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Vivero Enredado
José Montealegre

 

 WS

20. August – 19. September 2021
Eröffnung: 19. August 2021, 19:00 Uhr

Im Zentrum der Ausstellung „Vivero Enredado“ steht ein Gewächshaus, bestückt mit metallenen Reproduktionen wissenschaftlicher Pflanzen- und Samendarstellungen. Die Darstellungen entstammen einer Enzyklopädie aus dem 16. Jahrhundert mit dem Titel Nova Plantarum, Animalium et Mineralium Mexicanorum und sind das Ergebnis einer siebenjährigen Expedition des spanischen Mediziners Francisco Hernández de Toledo durch das heutige Mexiko, dem damaligen Gebiet des spanischen Kolonialreichs. Im Auftrag des Königs Philipp II. sollte Hernández de Toledo Pflanzen identifizieren, die von medizinischen, wissenschaftlichen und ökonomischen Nutzen für Europa sein könnten. Das dort entstandene Archiv wurde von Philipp II. im Hinblick auf die substantielle Mitarbeit von lokalen Ärzt:innen und drei Náhua Malern – nachträglich getauft auf die Namen Antón, Balthazar Elías und Pedra Vásquez – als zu kompliziert zurückgewiesen. So kam das Archiv unveröffentlicht in das Kloster El Escorial, wo es im Jahr 1671 in einem Feuer zerstört wurde. Die heutig verfügbare Version geht auf eine verkürzte Edition von Nardo Antonio Recchi zurück, dessen Rekonstruktionen der Originalzeichnungen posthum von der Accademia Nazionale dei Lincei in Rom vervöffentlicht wurden. Montealegre’s Quelle ist paradigmatisch für die gewaltvolle und andauernde Logik von Zerstörung und Aneignung des indigenen Amerikas. Anders jedoch als die allein historischen Bedingungen kolonialer Wissensregime aufzuarbeiten, interessiert sich Montealegre für das gespenstische Nachleben von Wissen, das sich in Prozessen stetiger Aneignung, Übersetzungen und Reproduktion für Fiktion und Spekulation öffnet. In Hinblick auf die institutionelle und reflexhafte Verdrängung dieser strukturellen Offenheit, ist die daraus resultierende Möglichkeit zur künstlerischen Intervention umso bedeutender. 

Für seine Ausstellung “Vivero Enredado” (in dt., “Verfangenes Gewächshaus”) nimmt Montealegre die historischen Darstellungen und erweckt sie künstlich wieder zum Leben. Mit der allmählichen Oxidierung und Verfärbung des Metalls, werden die Objekte zu unsterblichen, ewig-blühenden Nachkommen ihrer Vorlagen. Während der latente Anthropozentrismus in der westlichen Geschichtsschreibung die historische Dimension von Pflanzen nicht erfassen kann, fungieren die metallenen Verwandten der Pflanzen als ihre historischen Abgesandten. Sie erzählen vom Schattendasein derjenigen, die zu Bildern geworden sind, exotisierte Versionen ihrerselbst, für immer eingeschlossen in ahistorischen Projektionen des „Anderen“ und der sogenannten „ethnographischen Gegenwart“(1). Montealegres Installation manifestiert diese gewaltsam aus den Fugen geratene Zeit. Kalender, die an die Außenseite des Gewächshauses angebracht sind, scheinen aus den vier Wochen der Ausstellunsgdauer ein ganzes Jahr zu machen und verweisen so auf das spekulative Wesen linearer, chronologischer Zeit. Im künstlichen Klima des Gewächshauses, wo echtes Wasser auf falschem Glas kondensiert, werden die Unterschiede zwischen dem, was lebt und was tot ist, was real und was fiktiv ist, was vergangen und was gegenwärtig ist, immer trüber. Der post-koloniale Theoretiker Achille Mbembe nahm die umfassenden Systemen kolonialer und neo-kolonialer Unterwerfung als Ausgangspunkt, um eine Form von Macht zu beschreiben, die sich weniger um das Leben, als um den Tod kümmert. Vor diesem Hintergrund erscheinen Montealegres fragile Pflanzen wie Überlebende, dabei sind sie weder lebendig noch tot, sondern beides und mehr, ihr Wachstum Ausdruck eines poetischen Geists des Widerstands.   

 Kuratiert von Christopher Weickenmeier

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(1) Die Idee der „ethnographischen Gegenwart“ kritisiert die Konvention in ethnographischen Studien Feldforschung stets im Präsenz zu dokumentieren. Der Effekt ist, dass die beschriebenen Zusammenhänge stets ahistorisch wirken: Eine sich unendlich ausdehnende, phantasmagorische Gegenwart.

Gefördert aus Mitteln der Senatsverwaltung für Kultur und Europa, Fonds für Ausstellungsvergütungen und dem Bezirkskulturfonds. Mit der freundlichen Unterstützung der Hans und Charlotte Krull Stiftung, der Hessischen Kulturstiftung und der Galerie MOUNTAINS.

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