BEHOLD GOD IN ALL THAT EXISTS IN HIS NAME
Nazanin Noori
Ausstellung
14. Mai 2026 – 25. April 2027 Eröffnung: Mittwoch, 13. Mai 2026, 18:00 DJ-Set: Marylou Oiseau Danseur, 19:00–21:00 Eintritt frei

Nazanin Noori, BEHOLD GOD IN ALL THAT EXISTS IN HIS NAME, Klosterruine, 2026
Für das Programmjahr 2026/27 wurde die Künstlerin Nazanin Noori von einer unabhängigen Fachjury ausgewählt. In ihrer ortsspezifischen künstlerischen Arbeit widmet sie sich der Klosterruine als ehemaligem sakralen Raum sowie den in ihr eingeschriebenen Prozessen des Wandels. Über die Jahrhunderte hinweg diente die Klosterkirche zunächst als Sakralraum; später wurden ein Gymnasium und eine Bibliothek angegliedert. Im Zweiten Weltkrieg zerstört, entschied sich die DDR-Regierung bewusst gegen ihren Wiederaufbau. Anders als bei anderen Kirchen, deren Rekonstruktion mit sozialistischen oder restaurativen Mitteln vorangetrieben wurde, blieb die Klosterkirche in ihrem zerstörten Zustand erhalten – als Mahnmal gegen Krieg und Zerstörung. Seit den 1950er-Jahren steht sie unter Denkmalschutz und erzählt auch in ihrer heutigen Form als Ruine weiter – als steingewordenes Gedächtnis Berlins. Die künstlerische Intervention von Nazanin Noori greift diese historischen Spannungen auf und überführt sie in eine zeitgenössische Form, die Fragen von Macht, Zugehörigkeit, Wahrnehmung und dem Verhältnis religiöser Sprache zur Gegenwart berührt. Auch das Begleitprogramm lädt das Publikum ein, die unterschiedlichen Facetten des Ortes zu erkunden – von der tief verwurzelten Geschichte über die architektonischen Besonderheiten bis hin zur aktuellen und zukünftigen Bedeutung im städtischen Kontext.
BEHOLD GOD IN ALL THAT EXISTS IN HIS NAME ist eine ortsspezifische Installation für die Klosterruine Berlin, die den historischen Raum des ehemaligen Sakralbaus in Beziehung zu Fragen religiöser Zugehörigkeit, Machtstrukturen, öffentlicher Wahrnehmung und unterschiedlichen Vorstellungen des Göttlichen setzt. Als Relikt eines Sakralbaus verweist die Klosterruine auf politische und soziale Strukturen, die historisch aus religiösen Organisationsformen hervorgegangen sind: Über Jahrhunderte war das Berliner Franziskanerkloster ein Raum, in dem die spirituelle Praxis sowohl in ihren ästhetischen wie auch performativen Ausprägungen eng mit der städtischen Ordnung und politischer Autorität verwoben war. Zugleich steht die Ruine für eine Geschichte wiederholter Zerstörung und Transformation.
Die Installation besteht aus vier leuchtenden Wegweisern, die vor den erhaltenen Grabdenkmälern zu einer linearen, zwölf Meter langen Lichtskulptur angeordnet sind. Jedes Modul entspricht formal einem sogenannten Rollwegweiser aus der Luftfahrttechnik, einem rechteckigen Aluminiumkörper mit einer signalorangefarbenen, von innen gleichmäßig beleuchteten Vorderfläche. Diese Schilder strukturieren das Gelände von Flugplätzen, markieren Übergänge zwischen Funktionsbereichen, geben Richtungen vor und ordnen Bewegungen auf den Rollbahnen. In der Installation werden die Rollwegweiser aus diesem funktionalen Zusammenhang herausgelöst: Die vier Module stehen dicht nebeneinander, ihre leuchtenden Flächen verbinden sich zu einer durchgehenden horizontalen Linie, auf der der Satz BEHOLD GOD IN ALL THAT EXISTS IN HIS NAME (dt. „Erkenne Gott in allen Dingen, die in seinem Namen existieren“) in großen weißen Blockbuchstaben erscheint. Die serielle Anordnung erzeugt einen Rhythmus aus Licht und Text, der sich als markierende Setzung durch den architektonischen Raum der Ruine zieht.
In der Verbindung von sakralem Ort und technischer Lichtstruktur wird ein historischer Zusammenhang sichtbar, in dem Religion gesellschaftliche Vorstellungen von Ordnung, Autorität und Gemeinschaft prägte. Religiöse Architekturen strukturierten über lange Zeit kollektive Identitäten und wirkten damit weit über den liturgischen Raum hinaus. Zugleich greift die Installation pantheistische Denkmodelle auf, die im Ausdruck „BEHOLD GOD IN ALL THAT EXISTS“ anklingen. Pantheismus versteht das Göttliche nicht als entzogenes Gegenüber, sondern als immanente Präsenz: Die Welt selbst erscheint als Ausdruck des Göttlichen, und jedes ihrer Elemente trägt diese Präsenz in sich. Diese Perspektive findet sich in unterschiedlichen philosophischen und religiösen Traditionen, von stoischen und neuplatonischen Ansätzen über Spinozas Philosophie bis hin zu mystischen Strömungen verschiedener Kulturen. Als Denkmodell unterläuft der Pantheismus die Logik religiöser Exklusivität. Wenn das Göttliche in allem gleichermaßen präsent ist, verliert die Vorstellung eines „einzig wahren“ Gottes, für den eine Gruppe exklusiv sprechen oder kämpfen kann, ihre Grundlage. Stattdessen öffnet sich eine Perspektive auf Verbundenheit, Gleichwertigkeit und gegenseitige Durchdringung.
Gleichzeitig bleibt der Satz der Installation bewusst ambivalent. Der Zusatz „IN HIS NAME“ verweist auf jene historischen und politischen Mechanismen, durch die religiöse Sprache zur Stabilisierung kollektiver Identitäten eingesetzt wurde und dabei oft Ausschlüsse, Hierarchien und Gewalt legitimierte. Hier berührt die Arbeit auch Perspektiven feministischer Theologie, die seit den 1970er Jahren die patriarchalen Strukturen religiöser Sprache kritisch hinterfragt und gezeigt hat, wie Vorstellungen eines männlich codierten Gottes eng mit gesellschaftlichen Machtordnungen verbunden sind. Die leuchtenden Rollwegweiser dienen in der Luftfahrt der Orientierung und markieren Übergänge zwischen Funktionsbereichen; in der Installation rückt ihr Charakter als statische Objekte in den Vordergrund. Das Licht signalisiert Richtung, ohne Bewegung auszulösen, außer der des Lesens und Denkens. An diesem Ort ein künstliches, elektrisch erzeugtes Dauerlicht zu platzieren, das kein sakrales Licht ist, macht zudem die Fragilität des Raumes sichtbar – changierend zwischen früheren Vorstellungen religiöser Dauerhaftigkeit und einer technischen Dauer, die selbst prekär bleibt.

Nazanin Noori für CCA Berlin, Foto: Diana Pfammatter